Swiss4Lebanon

Interview mit Tamer Amr, Vorstand Swiss4Lebanon

Tamer ist Schweizer, libanesischer und amerikanischer Staatsbürger und begann seine Karriere als Englischlehrer im Libanon. Heute ist er verantwortlich für Immobilienentwicklungen. Er ist Direktor verschiedener Immobilien-Investmentgesellschaften in Indien, Deutschland, der Schweiz, Mexiko und den USA. Er ist Vater von zwei Töchtern und lebt mit seiner Familie in Zürich.

 

Herr Amr, Sie sind Mitgründer und Initiant des gemeinnützigen Vereins S4S, welcher 2014 für syrische Flüchtlinge im Libanon ins Leben gerufen wurde. Wie entstand dieses Projekt?

Es begann 2013 mit den schrecklichen Bildern von syrischen Flüchtlingen, die über die schneebedeckten Berge ohne warme Kleider und schützende Schuhe nach Libanon flohen. Diese Fotos gaben uns zum Anlass, umgehend zu handeln, um diesen Menschen, die ohne Hab und Gut wochenlang unter schlimmsten Umständen unterwegs waren, zu helfen. Wir haben Kleidersammlungen in Zürich organsiert und konnten 2013 mit drei Tonnen warmen Kleidern, vor allem für Kinder, in den Libanon reisen. 2014 starteten wir die zweite Kleidersammlung und brachten vierzig Tonnen Kleider für die syrischen Flüchtlinge zusammen. Das war auch der Grund, den gemeinnützigen und steuerbefreiten Verein Association S4S mit dem Hilfsprogramm Swiss4Syria zu gründen.

 

Seit der Kleidersammlung ist viel passiert. Sie haben 2016 eine Schule für syrische Flüchtlinge gegründet. So quasi von einem Koffer voller Kleider zu einer Schule für 140 Kinder. Was war da der Beweggrund?

Bei dem grossen Schiff-Transport von vierzig Tonnen gebrauchten Kleider wurde uns schnell klar, dass die immensen Kosten in keinem Verhältnis zur effektiven Hilfe standen. Mit den mehreren Zehntausend Schweizer Franken hätten wir sehr viel mehr im Land bewirken können. Darum haben wir uns entschlossen, eine Schule aufzubauen.

Mit den plötzlichen Geldspenden, die Dank verschiedenen Berichterstattungen über uns zusammen kamen,  konnten wir innert kürzester Zeit die Schule gründen und in die Ausbildung der Flüchtlingskinder investieren. Mit der Schule schenken wir ihnen einen geschützten Raum, Hoffnung, Perspektive und bieten so eine langfristige Hilfe. Kleider kann man für einige Jahre gebrauchen, eine Ausbildung hingegen ist nachhaltig und hält ein Leben lang.

 

Der Libanon ist momentan politisch wie auch wirtschaftlich unstabil und in ständiger Unruhe. Wie gehen Sie als Hilfsorganisation damit um?

Die politische Konstellation, die langjährige Korruption sowie die lokalen Konflikte sind definitiv nicht zu unterschätzen. Dazu kommt, dass der Libanon mit seinen 4.5 Millionen Einwohnern zusätzlich fast 2 Millionen Flüchtlinge beherbergt, was das Land früher oder später zu einem Kollaps führt. Wie dies nun auch 2019 geschehen ist. Die Armutsgrenze ist dramatisch von 15% auf 40% gestiegen. Die Banken gingen Ende 2019 Konkurs. Der Wert des libanesischen Pfund lag jahrelang fix bei einem US$ bei 1’500.- Seither ist dieser auf 7’500.- gestiegen. Das gesparte Geld eines Libanesen verlor an über 80% Wert. Hunger und Armut betraf plötzlich auch den Mittelstand. Dieser wusste nicht mehr, ob er erst die Miete zahlen sollte oder sich Nahrungsmittel kaufen soll.

Dies war der Grund, warum wir auch hier umgehend das neue Hilfsprogramm Swiss4Lebanon gründeten, das unserem Verein S4S angegliedert ist. Mit Swiss4Lebanon haben wir neue Hilfsprojekte innert kürzester Zeit auf die Beine gestellt, um schnellstmöglich humanitäre Hilfe den Menschen zu bieten. Seit Dezember 2019 haben wir mit «Food4Life» über 900 Foodboxen in den ärmsten Quartieren von Beirut verteilt. Eine Foodbox kostet CHF 25.- und beinhaltet Grundnahrungsmittel, die eine ganze Familie für mehrere Wochen ernähren kann. Das Ausbildungsprojekt «Tamina4Education», welches unter unserem Vorstandsmitglied und Mitgründerin Karin Tamina Deilmann ins Leben gerufen worden ist, finanziert Berufsausbildungen sowie weiterführende Studiengänge ausschliesslich für junge Libanesinnen und Libanesen im Libanon, die ohne diese Unterstützung keinen nachhaltigen Zugang zum Arbeitsmarkt hätten.

Corona erschütterte das Land auch stark. Mit dem anhaltenden Lockdown mussten nun auch viele Restaurants schliessen.

 

Die schwere Explosion von Beirut am 4. August 2020 traf den Libanon im Rückenmark. Die verstörenden Video-Filme der Wucht dieser Explosion hat die ganze Welt schockiert. Auch da hat Ihre Organisation innert wenigen Tagen umgehend reagiert.

Diese Bilder sind unvergesslich und werden uns noch lange verfolgen. Jeder von uns kennt jemanden, der schwer verletzt oder gar gestorben ist. 300’000 Libanesen haben ihr Dach über dem Kopf verloren und wurden selber zu Flüchtlingen. Stellen Sie sich vor, Sie haben bereits Ihr Geld verloren und jetzt auch noch Ihre Wohnung. Die meisten wissen gar nicht mehr wie sie diese Renovationen bezahlen können. Von der Regierung kam bis jetzt keine Hilfe. So haben wir innert zwei Tagen beschlossen, «Help4Beirut» zu gründen, um mit Spendengeldern aus der Schweiz und Deutschland, bei dem Wiederaufbau von Wohnungen zu helfen.

Seit Ende August haben wir bereits zehn Wohnungen und ein kleines Restaurant nacheinander wieder aufgebaut. Es folgen noch einige, da die Temperaturen im Winter sehr tief sind. Die Wohnungen müssen unbedingt vor der Kälte und Regen schützen.

Die Explosion am Hafen war so heftig, dass es sogar meine Wohnung, die 5km vom Hafens entfernt ist, in Mitleidenschaft gezogen wurde. Die Fenster waren alle in Scherben und sogar meine schwere Wohnungstüre hat es aus der Halterung gerissen.

 

Sind Sie selber vor Ort um dies zu koordinieren und anzupacken?

Nein. Wir arbeiten seit vielen Jahren eng mit unserer libanesischen Partner NPO «Beit bil Jnoub» zusammen. BBJ wurde 2006 gegründet, um die in dem Krieg mit Israel  zerstörten Häuser im Süden wieder aufzubauen. Sie sind bereits Experten für diese Art von Wiederaufbau. Zudem führen sie vor Ort auch unsere Schule und setzen nun mit Swiss4Lebanon alle Projekte um. Wir haben sehr grosses Vertrauen in sie und sind dankbar, solche grossartige Menschen zu kennen, die diese Organisation führen, und mit uns so eng zusammenarbeiten.

 

Wie können wir hier von der Schweiz aus helfen? Kommen die Spenden auch wirklich vor Ort an?

Wir sind auf Geldspenden angewiesen, damit wir diese wichtigen Projekte weiterführen können. Die Transportkosten für Sachspenden sind wie erwähnt immens und sind leider nur kurzfristig unterstützend. Wir fokussieren uns mit unserer Arbeit vor Ort auf die humanitäre Hilfe. Wir sind eine kleine und sehr persönliche Organisation und können die Spenden gezielt und direkt einsetzen. Wir haben minimen administrativen Aufwand. So ist es uns möglich, die monetäre Unterstützung vollumfänglich in die Projekte fliessen zu lassen.

Unsere Transparenz ist zudem sehr gross. Auf unserer Website und auf den verschiedenen Social Media Plattformen sehen unsere Unterstützerinnen und Unterstützer umgehend, wie ihr Geld eingesetzt wurde. Anschaulich mit vorher und nachher Bildern und zum Teil auch mit persönlichen Botschaften von den betroffenen Menschen. Diese offene Kommunikation und Projektarbeit ist uns sehr wichtig.

 

Und zum Schluss. Was wünschen Sie sich für Libanon?

Ich hoffe von Herzen, dass die fast hundert Jahre alte Demokratie weiterhin Bestand hat und dass «die Schweiz des Nahen Ostens» mit Hilfe der grossen und starken Diaspora (Anmerkung der Redaktion: Es leben 10 Millionen Libanesen im Ausland) säkular, ohne Korruption und in Frieden in die Zukunft gleiten wird.

 

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